Mal wieder stellt sich mir die Frage nach dem Sein. Dem Sein und Schein. Was wir waren, was wir werden. Leben wir unser eigenes Leben? Nach unseren eigenen Regeln? Oder wurde unsere Geschichte schon längst in einem großen verstaubten Buch niedergeschrieben und wir leben sie nur noch aus?
Eine mir so geliebte Person sagte neulich, "Vielleicht ist unser Leben wie ein Film. Schon abgedreht und auf eine himmlische DVD gebrannt"
Was wäre wenn irgendjemand das große Buch meines Lebens aus dem unendlich großen Bücherregal der Menschheit genommen, und es aufgeschlagen hätte? Oder sich einen schönen Abend mit Popcorn und Kerzenlicht machen wollte, noch einen spannenden Film gesucht hat, und auf die Geschichte der Elisabeth gestoßen ist? Vielleicht neugierig geworden ist, weil das Cover so bunt bemalt ist und sich dann entschließt, sich einen vergänglichen, unbedeutenden Abend mit meinem Leben zu beschäftigen? Die wichtige Person legt also die DVD ein, spult die Werbung von Biografien bedeutenderer Leute vor und drückt dann den Play-Knopf.
Und dann beginne ich zu leben!
Werde geboren, wachse heran. Lerne Dinge wieder zu erkennen und die ersten Schritte zu gehen. Die Person sieht meine Angst vor dem ersten Schultag und erlebt, wie ich beginne mehr und mehr zu lernen. Langsam entwickelt sie eine eigene Meinung über mich. Nimmt aber nur von außen zur Kenntnis, wie sich meine Interessen herauskristallisieren und ich mir die elementaren Fragen nach dem Sinn des Lebens stelle. Ich wachse immer weiter. Werde langsam erwachsen und mache mir Gedanken um meine Zukunft. Sie sieht, wie ich mich freue, über die schönen Blumen in meinem Garten. Wie ich mich in die Musik verliebe und mit leuchtenden Augen vor dem Weihnachtsbaum stehe. Wie ich intensivst für die Schule lerne, nur um einen guten Abschluss zu erreichen. Die Person nimmt zur Kenntnis wie ich Nächtelang mit tränenverschleierten Augen wach liege, da ich mir so ungewiss über die Zukunft bin. Was ich später werden soll, ob ich eine Familie gründen werde, ob ich schlicht glücklich sein kann.
Vielleicht umspielt ein Lächeln das Gesicht der Person, weil sie sich ihrer Macht im Klaren ist. Sie weiß, was aus mir wird, kann sie doch einfach kurz ein paar Jahre nach vorn spulen, oder sich die Beschreibung auf der Rückseite der DVD-Hülle durchlesen. Für sie ist es alles nur ein Film. Etwas nicht reales. Schon passiertes. Aber ich lebe in diesem Moment! Lerne meine große Liebe kennen, schmiede Zukunftspläne, rutsche auf vereisten Wegen aus. Und jede Sekunde ist für mich neu und Einzigartig. Jede Entscheidung vor die ich gestellt werde wiege ich sorgfältig ab. Schließlich glaube ich, mein Leben dadurch drastisch verändern zu können. Und irgendwann ist die letzte Seite aufgeschlagen, der Film zu Ende. Die Person steht von der Couch auf, streckt sich noch einmal herzhaft, schaltet das Gerät aus und geht zu Bett. Bestenfalls träumt sie in der Nacht noch einmal von mir. Doch damit ist die Sache für sie auch schon erledigt. Es war ja blos eine Geschichte..
Kann ich mein Leben durch meine Entscheidungen verändern? Lohnt es sich überhaupt zu träumen? Wenn alles schon aufgeschrieben, oder verfilmt wurde? Und das Wichtigste, wie finde ich das? Macht es mir Angst? Es wird uns von Klein auf beigebracht, dass wir für uns selbst verantwortlich sind. Und wenn es nun nicht so wäre?
Vielleicht sollte man es nicht nur von der negativen Seite betrachten...Denn es ist doch auch ein zutiefst beruhigendes Gefühl zu wissen, dass es schon jemanden gegeben hat, der das Beste für uns wollte, und unser Leben schon nach besten Vorsätzen geschrieben hat. Es nimmt ein bisschen den Druck des Lebens, die Angst vor der Ungewissheit dieser Gedanke. Dass -egal wie ich mich denke zu entscheiden- sowieso schon weitere Kapitel meines Lebens geschrieben wurden, und ich sie einfach nur noch...leben brauche!
Doch liegt es wohl wirklich an mir zu entscheiden, ob ich sie glücklich, oder doch zweifelnd angehen werde....


